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Ich habe mich heute mit den Physix getroffen.
Ich war zu spät und nervös.
Ich komme alleine als außenstehende Person zu einer kleinen Gruppe, die seit drei Jahren fast jeden Tag eng miteinander lernt und arbeitet.
Wie erkläre ich mein Vorhaben? Vor allem wenn ich selber noch nicht genau weiß, was es wird?
Meine Sorge war aber unbegründet, es besteht gegenseitiges Interesse und die Bereitschaft, gemeinsam herauszufinden, was sich entwickeln kann. Deren Vorhaben ist ähnlich offen wie meines. Morgen beginnen die Konzeptionstreffen, ich freue mich darauf.
»Wir hören uns jetzt erst mal alles offen an und dann schauen wir mal, ob wir uns auf etwas einigen können.«
»Nur Mut. Die Vorschläge dürfen am Anfang noch so fern, blöd oder salopp sein.«
»Ich starte.«
»Ja, super. Das war, wie sagt man so?
Ein guter Pitch.«
»Nach dem ganzen Rumsitzen brauche ich erst mal nen Spaziergang, kommt ihr mit?«
»Bald ist unser Soloabend. Der hat zwar nichts mit deinem Projekt zu tun, aber wir würden uns sehr freuen, wenn du kommst.«
Ist mir trotzdem wichtig.
Voll schön, zum ersten mal zu sehen, was die Menschen können, die ich da begleite.
Und die Physix haben sich genau so gefreut, dass ich da war.
Mit dem ersten Impro-Treffen kommen wir alle endlich in Bewegung.
Wochen vergehen.
Das Momentum hat nachgelassen.
»Boah ich hab so viele Fragen,
aber auch so viele Ideen.«
»Das wird dem Thema irgendwie nicht gerecht.«
»Wir haben uns noch gar nicht in den Urwald des Sexes begeben.«
»Ich bin so tot im Kopf.«
»Lasst das Halbfertige erst mal liegen und geht weiter, das ist okay.«
Es kommen immer wieder Zweifel auf.
Was mache ich überhaupt aus den ganzen Zeichnungen, wenn auch noch völlig offen ist, was die Physix machen?
Ich habe den Eindruck, bei den Physix ist es so ähnlich. Grübeln und Zaudern lähmt uns alle, obwohl wir bereits spüren konnten, wie gut es tut, sich zu bewegen.
»Wo ist unser roter Faden? Worum geht es uns?«
»Bitte, bitte, bitte, fangt an zu proben.«
»Es muss so dringend weg vom Tisch.«
»Wir sitzen schon wieder am Tisch, ey. Ab jetzt ist es verboten zu sitzen.«
»Fisch, Sex, Love.«
»Alle Rollen stehen allen so gut!«
»Das ist weil wir alle so sexy sind.«
Die Energie ist plötzlich ganz anders.
Durch die Bewegung entsteht Momentum.
»Vieles ist gut und klar, ich möchte aber trotzdem ein paar Dinge befragen.«
»Ich muss das einmal erleben, in der Höhe, mit Schmackes.«
»Wir haben jetzt ne Kaffeemaschine im Proberaum, das heißt wir sind doppelt produktiv.«
»Atmen, Viviane.«
»Wir waren im Fundus und jetzt haben wir einfach zwölf Schattenwände!«
»Und ne Bar!«
»Melwyn, willst du beim Warmup mitmachen?«
»Wir machen jetzt nen Tabata Schreibworkshop.«
»Brennt das Benz Bremslicht, bremst der Benz.«
»Jetzt beginnen sieben Minuten Schneiden, Klöppeln und Filettieren.«
»Oh yeah, Carlo going full horny!«
Ich merke immer wieder, dass ich gute und nicht so gute Tage fürs Zeichnen habe.
In dem Moment ist das zwar frustierernd, aber eigentlich ist nur wichtig, dass ich trotzdem dranbleibe.
Je länger ich das hier mache, fällt mir auf, dass ich diesem flüchtigen Gefühl eh nicht vertrauen kann.
Am nächsten Tag sind unter den Zeichnungen trotzdem viele tolle Dinge dabei.
Ich glaub den Physix geht es genau so.
»Nabel parallel und die Hüfte fliegt durch den Raum.«
»Was nach vorne geht, geht nach hinten.«
»Das ist womit wir arbeiten.
Das ist ein Eiszapfen.
Und das psychologisieren wir dann.
Also was ist das Kalte, Starre, ja?
Wie können wir das verköpern?«
»Die Lebendigkeit kommt aus der Unschärfe, so ganz knapp daneben.«
»Es braucht nicht viel, um den Raum einzunehmen, fokussiere dich auf eine Idee.«
»Die zwei nach vorne musst du anders denken.«
»Okay, das Messer würde ich so machen.«
»Der Titel ist zwar wichtig, aber noch wichtiger ist es, das Stück zu machen.«
»Wir sind seit gestern im Pina Bausch Theater.«
»Wir haben jetzt auch neue Kostüme.«
»Boah Leute wir müssen die so richtig fetzen, diese Choreo, oioioioioioi.«
»Okay, können wir starten?«
»Ja super, es ist doch ganz viel passiert. Jetzt müsst ihr das nur noch zurichten.«
»Also ich finde es gut, dass es direkt mit einer großen Sexparty beginnt.«
»Der Laden brummt.«
»Darf ich euch ein paar Tipps geben?«
»Schaffen wir das in vier Wochen?«
»Ja klar!«
Ich glaube auch daran.
Vielen, vielen Dank an alle Beteiligten!
Physix
Anthea Marckmann
Carlotta Hofrichter
Sofia Olivia Holz
Viviane Hamm
Betreuende der Physix
Chun-Hsien Wu
Prof. Dr. Dietmar Sachser
Jakob Arnold
Merle Pätsch
Prof. Thomas Stich
Victoria Stellpflug
Bachelorprojekt Reportagezeichnung
WiSe 2024/25
Prof. Martin tom Dieck
Prof. Stefan Lausch
Folkwang Universität der Künste
Emotionale Unterstützung
Lisa Elaine Haworth
Zeichnungen, Gestaltung & Programmierung
Melwyn Haensch